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#liveloveblog – Meine Liebeserklärung an das Online-Tagebuch

Tagebuch mit der Aufschrift "Things I wanted to say but never did". Doch Blogs sind viel mehr als Online-Tagebücher.

Meike Leopold hat zur Blogparade gerufen und gefragt, ob Blogs im Jahr 2021 eigentlich noch zeitgemäß sind oder doch ein Medium von gestern. Unter #liveloveblog finden sich aktuell 66 Beiträge, die Antworten auf diese Fragen geben und die Vielfalt von Blogs feiern.

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade #liveloveblog.

Sind Blogs eigentlich noch zeitgemäß oder doch ein Medium von gestern? Meine kurze Antwort auf Meikes Frage lautet: Blogs sind etabliert. Blogs sind vielseitig. Blogs sind einfach zu nutzen. Blogs sind nachhaltig*. Deshalb sind Blogs immer noch zeitgemäß, auch wenn sie aus der aktuellen Diskussion über spannende Kanäle weitestgehend verschwunden sind.

(Aber, hey, Newsletter werden gerade wieder gehypt und Podcasts wurden es vor zwei Jahren. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir also vermutlich auch die „Renaissance der Blogosphäre“ erleben.)

* Nachhaltig heißt hier, dass Bloginhalte lange verfügbar sind. Meinen allerersten Blogbeitrag gibt es immer noch.

Warum Bloggen sinnvoll ist

Für mich liegt die Stärke von Blogs tatsächlich in ihrer Vielseitigkeit. Viele Menschen lesen wahrscheinlich sogar regelmäßig Blogbeiträge und merken es gar nicht.

Im Januar hat Christa Goede fünf Gründe zusammengefasst, warum wir auch 2021 bloggen sollten. Ihre Argumente fürs Bloggen sind sehr gut nachvollziehbar und werden so (oder so ähnlich) von vielen empfohlen:

  1. Sichtbar werden
  2. Positionierung stärken
  3. Inhalte selbst bestimmen
  4. Persönlichkeit zeigen
  5. Kostengünstige Werbung (für uns bzw. das Unternehmen/Organisation)

Aus beruflicher Sicht kann ich das absolut unterstreichen – und gleichzeitig wird es dem Bloggen aus meiner Sicht nicht gerecht. Denn Bloggen kann so viel mehr.

Unter Christas Beitrag hatte ich spontan Folgendes kommentiert:

Lange Zeit habe ich einfach gebloggt, um meine Gedanken und Beobachtungen zu sammeln und zu schreiben. Sichtbarkeit war mir nicht wichtig – und ehrlich gesagt, vermisse ich diese Zeit, in der wir auch Gedanken und Überlegungen geteilt haben, die noch nicht fertig und für unsere Positionierung durchoptimiert waren.

Mein Kommentar zum Blogbeitrag von Christa Goede

Blogs für Positionierung und Reichweite

Ja, Blogs helfen bei der Positionierung. Egal, ob als Blogger*in, als Selbstständige*r oder als Unternehmen bzw. Organisation – wenn ich weiß, wofür ich stehe (oder stehen will), waren Blogs lange Zeit die einfachste Möglichkeit und sind noch immer die nachhaltigste.

Wer sich über ein Blog (egal auf welcher Plattform) positionieren möchte, sucht Reichweite und Sichtbarkeit. Und muss sich deshalb zwangsläufig mit der Optimierung der eigenen Inhalte beschäftigen, um die eigene Reichweite zu steigern und sichtbarer zu werden. Manche*r kann sogar vom Bloggen leben. Gerade dann gehört es dazu, das eigene Blog fortlaufend zu optimieren.

Das führt dann dazu, dass Beiträge nicht nur für Leser*innen, sondern auch für Suchmaschinen geschrieben, überarbeitet oder gar wieder gelöscht werden, wenn sie nicht „performen“. Entsprechend sehen die Tipps und Empfehlungen für Blogs aus. Und ja, aus strategischer Sicht ist das alles sinnvoll.

Darauf reduzieren möchte ich Blogs und das Bloggen aber nicht. Denn für mich war das Bloggen immer viel mehr und ich bin fest davon überzeugt, dass Blogs auch heute noch viel mehr sein können.

Das Blog als eigene Social-Media-Plattform

Blogs sind eines der zentralen Elemente des Web 2.0. Sie haben das Internet lange vor Facebook und Co. social gemacht. Als Online-Tagebücher wurden sie belächelt, als „Klowand des Internets“ beschimpft. (Und diesen wirklich uralten Link habe ich nur wiedergefunden, weil ich einmal darüber gebloggt hatte. Auch ein Vorteil von Blogs!)

Heute hat jede*r die Möglichkeit, ein Blog zu starten – egal, ob auf etablierten Blogplattformen wie Medium.com oder WordPress.com oder auf einer eigenen Website. Und das ist viel einfacher, als viele Menschen denken – auch ohne spezielle technische Kenntnisse.

Gerade deshalb sind Blogs immer noch und immer wieder relevant. Denn Blogs sind Social Media auf der eigenen Plattform, wie es Stefan beschreibt. Ich kann hier eigene Beobachtungen, Meinungen und Erfahrungen veröffentlichen – und Ihr könnt diesen Beiträgen unkompliziert folgen (dank RSS-Feed), in Euren eigenen Beiträgen verlinken (siehe auch die Links in diesem Beitrag oder die anderen Beiträge zur #liveloveblog-Parade) und meine Beiträge kommentieren. All das, was wir so selbstverständlich auf Facebook, LinkedIn und anderen Plattformen tun, geht eben auch im Blog. Nur, dass im Blog keine andere Plattform mit einem Algorithmus die Sichtbarkeit der Beiträge steuert und Beiträge im Blog überhaupt viel besser wiederzufinden sind.

Das führt mich zu dem, was Blogs in meinen Augen so besonders macht: Blogs und das Bloggen können alles sein, was wir daraus machen.

Das Blog als Denk- und Reflexionsraum

Blogs können nämlich auch entschleunigen und das Denken fördern. „Das Blog ist ein Denkraum“, hat es Tine Nowak einmal sehr treffend gesagt. (Ich weiß leider nicht mehr, bei welcher Gelegenheit das war. Hätte ich damals darüber gebloggt, hätte ich jetzt einfach nachschauen können.)

Auf jeden Fall gefällt mir diese Aussage sehr. Denn Denkräume brauchen wir heute mehr denn je. Natürlich können wir unfertige Gedanken auch auf anderen Plattformen veröffentlichen und bekommen dort dann Kommentare und Tipps – von gut gemeint bis neunmalklug. Doch fühlt sich das eher an, wie einen Stein, den ich ins Wasser werfe. Er macht ein paar kleine Wellen, aber danach ist alles so wie vorher. Und der Stein ist weg.

Hier im Blog hingegen ist alles noch da. Es ist eher wie ein Feld, auf dem ich viele kleine Samen ausbringen. Ich kann meine Gedanken pflegen, sie wieder aufgreifen, um- oder neu denken, weiterentwickeln und im Austausch mit mir selbst und mit Blog-Leser*innen und anderen Blogger*innen weiter wachsen lassen. Ein Blog bietet mir mehr als jede andere Plattform einen Raum für Reflexion und für unfertige Gedanken.

Genau diese Blogs liebe ich auch heute noch. Bekannte, die einfach über ihren Alltag schreiben. Menschen, die erzählen, was sie bewegt, oder die teilen, was sie begeistert – und damit auch mich bewegen und begeistern. Blogs mit Persönlichkeit und einer Haltung, selbst wenn sie ansonsten in keine Kategorie passen. Das sind die Blogs, bei denen ich denke: „ Wie gut, dass es dieses Blog gibt.“

Wirklich bewegt und zum Nachdenken gebracht hat mich z. B. zuletzt dieser Artikel von Maxim Loick über den rassistischen Abschlag in Hanau vor einem Jahr und darüber, wie wir bösartig sein können, ohne es zu wollen.

Blogs für alle

Deshalb bin ich überzeugt: Jede*r sollte bloggen. Schon in der Schule sollten wir jungen Menschen beibringen, wie sie ihre Gedanken und Beobachtungen fassen, sortieren und mit anderen teilen können. Wie sie darauf aufbauen und diese Gedanken weiterentwickeln können. Und das ist vermutlich eine der wichtigsten Kompetenzen, die wir für das 21. Jahrhundert brauchen: Die Fähigkeit unsere eigenen Gedanken zu erkennen und für andere nachvollziehbar zu machen. Und wo geht das leichter, transparenter und besser als in einem Blog?

Deshalb werde ich hier auch wieder häufiger meine Gedanken teilen. Vielleicht nicht immer so lang, wie es dieser Beitrag am Ende geworden ist, aber lieber im Blog als anderswo.

Und auch, wenn ich sehr viel in sozialen Netzwerken unterwegs bin, kann ich immer noch sagen: Ich liebe Blogs. Und ohne Blogs würde mir etwas fehlen.

Meine Lieblingsblogs habe ich übrigens in einer Blogroll zusammengefasst, eine Auswahl daraus ist zusätzlich immer in der Seitenleiste verlinkt.

Ich freue mich über weitere Blog-Empfehlungen und/oder Eure Gedanken zu diesem Text in den Kommentaren. 🙂

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