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Der Moment, als meine Welt stillstand

Aus der Kategorie „Abenteuer, die die Welt nicht braucht“: Mir wurde meine Handtasche gestohlen. Und mit ihr gefühlt mein halbes Leben.

Eins vorweg: Es gibt tausende Dinge, die schlimmer sind. Viel schlimmer. Und bei manchen Nachrichten aus der Welt und meinem Bekanntenkreis bin ich sehr froh, dass mir nur meine Handtasche gestohlen wurde. Dies ist quasi meine Art der Stressbewältigung. 😉

Doch von Anfang an.

Am 11. April bin ich von Zürich nach Köln geflogen und anschließend mit dem Zug weiter nach Essen zum gpluscamp gefahren. Meine größte Sorge war mein iPhone-Akku, der, als ich in Köln landete, stolze 4 % anzeigte. Auf dem iPhone war auch mein Bahnticket. Ich brauchte also dringend Strom, bemängelte die fehlende Infrastruktur diesbezüglich und fand im Starbucks am Kölner Hauptbahnhof meine Rettung. Erste-Welt-Sorgen. (In den nächsten Tagen sollte mich diese Abhängigkeit noch zum Lachen bringen.)

Am nächsten Morgen, im Hotel in Essen, wollen wir zum Frühstück. Es ist kurz nach acht, Ich bin schon unten in der Lobby, um etwas auszudrucken. Während die freundliche Hotelangestellte und ich darauf warten, dass das Dokument per E-Mail ankommt, beschließe ich: Ich hole uns schon einmal Frühstück.

Es wuseln unzählige Menschen durch den Eingangs- und Frühstücksbereich. An fast allen Tischen sitzt bereits jemand. Ich überlege, einen Tisch hinten in der Ecke zu nehmen, entscheide mich aber doch für einen direkt vor dem Empfang, weil ich dort besser zu sehen bin. Ich lege meine Handtasche ab, verstecke sie sicherheitshalber unter meinem Mantel. Am Nebentisch sitzt ein Paar. Sie unterhalten sich gerade. Ich will sie nicht stören, also frage ich nicht, ob sie einen Moment auf meine Tasche aufpassen könnten. Ich blicke zum Buffet, orientiere mich kurz, dann gehe ich los. Wird schon nichts passieren, denke ich noch.

Ich hole mir ein Croissant, bringe es zurück zum Platz. Mein Mantel liegt unverändert dar. Ich achte sogar darauf. (Vielleicht hat mich mein Eindruck auch getäuscht und die Tasche war schon weg?) Ich gehe nochmal zum Buffet, komme mit einer Schüssel Cornflakes zurück. Es sieht immer noch alles gleich aus. Beim dritten Mal will ich uns Kaffee holen, aber aus der Maschine kommt kein Kaffee. Ich gehe zur Rezeption (direkt hinter mir der Tisch mit meinem Frühstück, meinem Mantel und meiner Tasche), frage, ob jemand die Maschine auffüllen kann. Die freundliche Hotelangestellte sagt, die fülle sich selbst auf. Da sehe ich auch schon drei Lämpchen leuchten, gehe zur Kaffeemaschine, hole zwei Kaffee, mache einen Umweg über die frische Milch und gehe zurück zum Tisch. Unterm Strich vielleicht dreieinhalb Minuten. Ich stelle die zwei Kaffee ab, nehme meinen Mantel beiseite – und da bleibt sie stehen, meine Welt. Nur für einen Moment. Meine Tasche, wo ist sie?

Im nächsten Moment schießen mir tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: Hat sie jemand genommen, um sie zu schützen? Vielleicht das Hotelpersonal? Was da alles drin ist? Was mache ich denn jetzt bloß? Sowas kann doch gar nicht passieren! …

Ich blicke mich um, sehe aber nur das Gewusel. Ich frage das Paar am Tisch nebenan, ob sie meine Tasche gesehen haben. Haben sie nicht. Ich gehe zur Rezeption und sage, das meine Tasche in den letzten Minuten verschwunden ist. Ob ich sie auch ganz sicher dabei hatte, fragen sie. Ja, hatte ich. Ich war doch gerade noch bei Ihnen.

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Wieder blicke ich mich um, ob ich jemanden erkenne, der meine Tasche genommen hat, um mir eine Lektion zu erteilen. Nichts.

Die Hotelangestellte ruft die Polizei. Ich frage noch einmal das Paar am Nachbartisch. Sie glauben, zwei Männer gesehen zu haben, die einen Moment neben ihnen (also zwischen den beiden Tischen) stehen blieben. Einer von ihnen habe einen Hut getragen. Mein Kopf macht daraus Dick Tracy, mit langem Mantel, den Hut tief in die Stirn gezogen, sein Gesicht im Schatten.

Die Hotelangestellte und ihre Kollegin schauen derweil auf die Sicherheitsbänder. Sie sehen mich, wie ich – mit meiner Tasche – an der Rezeption stehe. Der Tisch ist im toten Winkel. Nichts. Die Kollegin holt ihr iPhone und bietet an, mein iPhone damit zu orten, aber es kann nicht gefunden werden.

Die Polizei ist wenig später da. Ein Beamter spricht mit der Hotelangestellten, ein anderer nimmt meine Personalien auf. (Mein Personalausweis, Führerschein, sogar der Reisepass, alles in meiner Tasche.) Das Croissant, die Cornflakes und die zwei Kaffee stehen noch immer auf dem Tisch. Ich frage mich, wann sie wohl jemand wegräumt. Gleichermaßen perplex und amüsiert stelle ich fest, wie ich mich an Details erinnere (oder zu erinnern glaube).

Als die Polizisten fragen, was denn alles in der Tasche war, wird mir klar, dass mein halbes Leben darin steckt: Alle Ausweispapiere, Schlüssel zur Wohnung und zum Büro, Notizen, die ich für die Arbeit brauche, mein iPhone, mein iPad, ein paar persönliche Gegenstände … und ich stelle fest, wie identitätslos ich mich ohne all das fühle. Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht sagen, nicht zeigen kann, wer ich bin?

Gefühlte vier Stunden später, als die Polizei weg ist, gehen wir los zum gpluscamp. Tatsächlich ist es erst kurz nach neun. Ich telefoniere auf dem Weg ins Unperfekthaus mit meiner Bank in Deutschland, um meine Karten sperren zu lassen. Anschließend rufe ich bei der Bank in der Schweiz an, um auch hier die Karten sperren zu lassen. Ich bin nicht nur identitäts-, sondern auch mittellos.

Im Laufe des Vormittags lasse ich alles sperren, informiere meinen Vermieter und meinen Arbeitgeber über den Verlust der Schlüssel, fange an, alle wichtigen Passwörter zu ändern. Am frühen Nachmittag bin ich mit allem durch. Und die traurige Gewissheit, dass meine Handtasche gestohlen wurde, habe ich auch: Mein iPhone wurde noch einmal geortet, um 8.45 Uhr am 12. April 2013, etwa eine halbe Stunde, nachdem meine Tasche gestohlen wurde. In der Nähe der Danziger Straße 150 in Oberhausen, zwölf Kilometer vom Hotel entfernt. Seitdem ist es offline. Verschollen.

Meine Schwester geht mit mir zur Polizei, um die Anzeige abzuholen. Damit kann ich mich am Sonntag bei der Bundespolizei am Flughafen „ausweisen“ und mir einen provisorischen Ausweis holen, damit ich im Falle einer Grenzkontrolle auch in die Schweiz einreisen kann. Das Problem des fehlenden Ausweises wäre als gelöst. Die Info, dass mein iPhone noch einmal einen Standort übermittelt hat, will der Beamte nicht hören. Man dürfe die Information ohne Durchsuchungsbeschluss ohnehin nicht verwenden.

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Auf dem Rückweg zum gpluscamp holen wir noch eine neue SIM-Karte für mein altes iPhone 3GS, das meine Schwester am nächsten Tag mit nach Essen bringt. Ausweisen kann ich mich inzwischen – mit einer in meiner Dropbox gespeicherten Kopie meines Personalausweises.

Am Ende des Tages scheint alles halbwegs geregelt. Mehrfach erwische ich mich jedoch dabei, wie ich panisch nach meiner Handtasche suche.

Ohne die vielen Menschen (und ganz besonders meine gesamte Familie), die mir zur Seite standen und mir ihre Schultern geliehen haben, hätte ich diesen Tag wohl kaum überstanden. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn mir niemand mit einem Telefon und einem Computer (bzw. einem iPad) hätte aushelfen können, um Telefonnummern und Adressen raussuchen zu können. Wer kann schon die Telefonnummer seiner Bank auswendig?

Alle deutschen EC- und Kreditkarten kann man übrigens unter der 116 116 sperren lassen. Ich weiß, dass ich diese Nummer schon Dutzende Male gelesen habe. Behalten habe ich sie erst jetzt. (Man könnte über diese Nummer sogar Notfallgeld beantragen und vermutlich bei einer Bank in der Nähe abholen.)

Am nächsten Tag hilft mir meine Schwester mit etwas Geld aus, ich kaufe noch ein neues Portemonnaie und alles scheint geregelt. Am Flughafen bekomme ich den provisorischen Ausweis. Der wird auch in der Schweiz anstandslos akzeptiert, als ich eine provisorische Halbtax-Karte (das Schweizer Äquivalent zur Bahncard 50) holen will. Eine Grenzkontrolle gab es natürlich nicht.

Am Ende erweist sich der Diebstahl als halbwegs verkraftbar. Meine Papiere muss ich demnächst eh auf einen neuen Wohnsitz umschreiben lassen. Neue Karten für mein deutsches Konto sind bereits per Post unterwegs. Alle anderen Karten waren ohnehin oder spätestens mit meinem Weggang aus der Schweiz überflüssig. Ein Ersatzschlüssel für meine Wohnung liegt in Köln parat. Und als Telefon benutze ich vorerst mein altes iPhone 3GS. Deshalb ist die beste Zeit, sich eine Tasche stehlen zu lassen, übrigens definitiv die Zeit unmittelbar vor einem Umzug von der Schweiz zurück nach Deutschland. Und es ist keine schlechte Idee, eine Kopie der eigenen Ausweispapiere parat zu haben – als Fax oder digital.

Wirklich schade ist es nur um zwei persönliche Gegenstände, die in der Tasche waren, und das Buch, das mir meine Großeltern zu Weihnachten geschenkt haben und bei dem mir nur noch vierzig Seiten bis zum Ende fehlten.

Und die Moral von der Geschicht? Manchmal hat man einfach Pech. Dann ist es gut, nicht allein zu sein – und so lange einen der Humor nicht verlässt, hat man wenigstens noch etwas zu lachen. 😉

Ich schaue allerdings immer noch, ob mein iPhone oder iPad noch einmal irgendwo auftaucht. Sie bleiben weiter offline. Verschwunden irgendwo im Ruhrgebiet. Und ich dachte, ein leerer Akku wäre ein Problem …

P.S. Mein iPhone tauchte nach einigen Monaten tatsächlich wieder auf. In Lima, Peru! Ich ließ es dreimal klingeln. Danach verschwand es für immer.

2 thoughts on “Der Moment, als meine Welt stillstand

  1. Uäääh. Üble Sache. Hoffentlich wirkt die Aktion nicht allzu lang nach. Das mit dem Personalausweis in der Dropbox ist gut. Mache ich gerade. Wenn Du das Thema weiter aufbereiten willst kannst Du sowas wie einen ‘Personal Recovery Guide’ schreiben. 😉

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